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Akadama
verteufeln (schlechtes Gewissen
I): In Japan ist ein besonderes, lehmartiges, körniges Substrat
vulkanischen Ursprungs sehr gebräuchlich: Akadama (dt. Roterde).
Dieses Substrat wird jedoch von einigen europäischen Bonsaifreunden
mit dem Hinweis des weiten Transports, des hohen Preises und der
Eigenschaft mit der Zeit zu zerkrümeln, teils vehement abgelehnt, es
stellt sich jedoch die Frage ob dies so haltbar ist: Da es in Japan
die wohl spektakulärsten Bonsai gibt, viele Exemplare werden bereits
seit fünfzig und manchmal sogar schon über hundert Jahren in der
Schale kultiviert, sollte die Betrachtung des hierfür verwendeten
Akadama-Substrats einen genaueren, objektiven Blick wert sein!
In Japan wird Akadama meist zusammen mit Bimskies oder Lavagranulat
im Verhältnis 70:30 gemischt und so für die meisten Bonsaiarten,
vorzugsweise jedoch für Nadelgehölze, als Standard verwendet.
Es ist richtig -und auch erwünscht- dass Akadama mit den Jahren
zerfällt, denn dieses Substrat hat die Eigenschaft, trotz der
allmählichen Verdichtung, auch bedingt durch den auflockernen Zuschlag von
witterungsstabilem Bimskies, weiterhin günstige Bedingungen für das
Wurzelwachstum und deren Funktion zu bieten. Im Resultat entsteht ein
äusserst fein durchwurzelter Wurzelballen dessen Kern beim Umtopfen
geschont wird und dadurch die Mindestanforderung der Versorgung des
Baumes unmittelbar nach dem Topfen ermöglicht. Ich habe mit dieser
Technik gute Erfahrungen gemacht und wer schon mal versucht hat eine
etwas ältere Kiefer mittels totalem Substrataustausch, also ganz
wurzelnackt mit erforderlichem Wurzelschnitt umzutopfen, wird wissen,
dass es hier im Anschluss zu einem Umpflanzschock kommen kann, der
sich dann im zögerlichen oder sogar ganz ausbleibenden Austrieb
zeigt und in manchen Fällen, insbesondere wenn die Nachsorge nicht
ganz optimal ist, sogar zum Exitus des Baumes führen kann. Dies
lässt sich durch den Erhalt des alten Akadama-Bims-Kernballens währen des
Umpflanzens zuverlässig vermeiden!
Diese
Erfahrung bezieht sich in erster Linie auf ältere, reifere
Pflanzen, jüngere Exemplare können in sogenanntem
„modernen
Substrat“, das seit einigen Jahren als Ersatz in Europa sehr
favorisiert wird, durchaus sehr gute Ergebnisse zeigen, manchmal
sogar mit besseren Zuwächsen als in der Akadama-Mischung, was aber
in diesem Stadium erstmal zu Lasten der Feinverzweigung geht. In bezug
auf die allmählich entstehende Feinverzweigung punktet dann wieder
Akadama, spätestens zu Beginn der Verfeinerungsphase bietet sich
somit die Umkultivierung auf Akadama an.
Es handelt
sich bei diesen genannten „modernen Substraten“ übrigens um
Blähtongranulate die eigentlich zur bautechnischen
Ausgleichschüttung konzipiert wurden, aber auch als Bonsaisubstrat
durchaus verwendbar sind, zumal der angenehm dunkelbraune Farbton und
die Körnungsgröße sehr passend sind. Es gibt weitere, ähnliche (meist teurere)
mineralische Substrate, diese meist auf Basis vulkanischer Lavalithe,
die ähnlich gut funktionieren wenn man von den folgend beschriebenen
Effekten absieht denn der weitere große Nachteil dieser „modernen
Substrate“ gegenüber Akadama-Bims ist die deutlich mäßigere
Wasserhaltefähigkeit und somit auch die schwächere Eigenschaft
Dünger zu speichern, oder kurz: Dieses Substrat muss deutlich öfter
gewässert und auch stärker aufgedüngt werden.
Wenn ich hier aber kurz nachrechne: Eine stattliche Sammlung von 50
großen und Mittelgroßen Bonsais wird im Durchschnitt alle 4 Jahre
getopft, die reine Netto-Akadama-Aufwandmenge beläuft sich auf rd. 2
Liter pro Baum (respektive des Bims-Zuschlags sowie des zu erhaltenen
Kernballens), dies ergibt also einen Bedarf von 100 Liter Akadama in
4 Jahren, somit 25 Liter pro Jahr, was gerade 2 Säcken pro Jahr
entspricht, dies bedeutet also einen jährlichen finanziellen Aufwand
von rd. 50-60 Euro für reines Akadama, durchscnittlich umgerechnet auf alle 50
(wertvollen) Bäume.
Allein der Minderaufwand an hochwertigem Bonsaidünger, übrigens
sehr zu empfehlen bei älteren Bäumen, relativiert die Kosten für
Akadama bereits recht deutlich, ganz leicht mal eben um die Hälfte
da bei anderen mineralischen Substraten eben höher aufgedüngt
werden muss
Es
wird aber noch viel interessanter wenn der Gießaufwand kalkuliert
wird: Mit der Akadama-Mischung komme ich an fast allen Tagen der
Vegetationsphase mit einem einzigen gründlichen Durchgang über die
Runden, die „moderne Substratmischung“ hingegen nötigt mich oft
zu zweimal täglichem Gießen, dies entspricht einem Mehraufwand von
rd. 50 Stunden pro Jahr (100 Gießtage á zusätzlich 0,5 Stunden)
den ich hier mal mit vorsichtig 10 Euro pro Stunde kalkulieren
möchte, also 500 Euro zusätzlicher Aufwand zumal die gesparte Zeit
vielleicht sinnvoller und gewinnbringender als in diese Routinearbeit
investiert werden kann! Es kommt aber noch besser mit meiner
Rechnerei: Wenn ich eine Urlaubsvertretung mit Gießen beauftrage,
besteht bei „modernem Substrat“ eine erhöhte Gefahr des
Austrocknens, insbesondere falls die beauftragte Person nicht vom
Fach sein sollte oder nur einmal täglich Zeit zum Gießen hat und
wer hat schon einen gelernten Gärtner zur Aushilfe? Akadama bietet
hier wesentlich mehr „Feuchtigkeits-Puffer“, der unter diesen
Umständen nicht unterschätzt werden sollte zumal hier
möglicherweise die Gesundheit bzw. das Überleben wertvoller Bäume
auf dem Spiel steht. Die weitere Kalkulation für die hochwertigen
Bäume erübrigt sich, es bleibt nur zu sagen: Dieses Malheur wird
dann in einem heißen Sommer nach dem Urlaub sehr
ärgerlich und richtig
teuer! Voraussetzung ist natürlich, dass vor Urlaubsantritt perfekt
gewässert wurde und auch der Akadama-Kernballen gründlich
durchfeuchtet wurde (s. U.).
Fazit: Unter diesen Voraussetzungen entpuppt sich Akadama, gegenüber billigen Blähtongranulaten, sogar als
die beste Form Geld zu sparen und die höheren Einstandskosten für
Akadama verpuffen praktisch genauso schnell wie ein Kartoffelbovist
beim Drauftreten.
Noch
eine persönliche Überlegung zum Einwand des weiten Transports
von Akadama, der damit verbundenen Klimaerwärmung und besonders
dem
damit verbundenen ewig schlechten Gewissens: Akadama ist ein
einmaliges Substrat das so nur in Japan vorkommt, der Import ist
somit zwingend und die relative Langlebigkeit, sowie die übliche
Fracht per Schiff, machen den Energieaufwand recht überschaubar,
ganz im Gegensatz zu aberwitzig hohen Mengen kurzlebigerer
Konsumgüter die z. B. von China und Indien genauso um die halbe
Welt
verschifft werden, gerne auch per Luftfracht. Dieser ganze Wegwerf-Plunder könnte, anders als Akadama, auch hierzulande
erzeugt
werden, hier sogar ohne Zwangsarbeit und ohne hochgradig ineffizienter
Produktion mit hohem Energieaufwand der zudem oft auf Kohle als
Energieträger basiert. Leider ist diese simple Erkenntnis irgendwie
verdrängt worden, denn bei einer Produktion in Deutschland oder der EU, selbst
unter den wettbewerbsfähigen Umweltstandards von 1990, eine unter
dem Strich insgesamt deutlich niedrigere Umweltbelastung zustande käme. Das Dogma Klima, Mülltrennung und
Bürokratie, eingehüllt in das immer fadenscheinigere
Fähnchen
Demokratie, bewirkt also oft in seiner Umsetzung das genaue Gegenteil
des gewünschten Effekts auf das Weltklima, zudem mit höchst
fatalen wirtschaftlichen Nebenwirkungen und Abhängigkeiten
für
uns alle.
Mir
ist übrigens gerade aufgefallen, dass meine weisen Ausführungen zur
Klimaschädlichkeit von zwei Sack Akadama endgültig zur Farce
entgleiten, denn ich
schreibe diese Zeilen an einem PC eines japanischen Herstellers mit
Bauteilen aus China, bin leger gekleidet in Hemd und leichter Hose mit
Etikett Bangladesh und India und gönne mir, wegen einer
verfrühten Hitzewelle im Mai, eine kleine Dose leckeren
Eiskaffees, hergestellt und abgefüllt in Thailand, aber bitte nicht weitersagen...
Fazit II:
Eigentlich ist die Klimaschädlichkeit von Akadama in
Relation in etwa vergleichbar mit dem Entzünden eines
Streichholzes
auf dem Kraterrand des Vesuvs während eines fulminanten Ausbruchs,
wenn überhaupt, denn es bleibt noch anzumerken, dass die beliebten
Blähtongranulate (sogenanntes modernes Substrat) bei 1200° C
aufwendig gebrannt werden, was bei Akadama nicht der Fall ist,
Akadama ist ein natürliches Material, wie Bimskies oder Lava. Es
ist
also fraglich ob die Energie-Gesamtbilanz hier nicht sogar einen
neutralen, oder gegenüber Blähton, sogar leicht positiven
Wert für Akadama ergibt.
Auch das Argument der Abhängigkeit von derartigen Importen aus Japan
relativiert sich sehr, wenn man bedenkt, dass seit 2019 zwischen Japan
und der EU ein Freihandelsabkommen (JEFTA) besteht, ebenso ein über
100 Jahre währender Freundschaftsvertrag zwischen Japan und
Deutschland.
Interessant ist auch der dem Klimagewissen geschuldete wundersame
Preisauftrieb, z. B. für Torfersatz, dieser macht nun plötzlich kostentechnisch
das Dreifache des Naturtorfs aus, besonders nachdem Naturtorf, wegen Klima, weitgehend aus
dem Handel verschwunden ist. Hier muss man aber insgesamt positiv
denken: Das Geld ist ja nicht weg, es hat jetzt nur ein anderer...
Nun aber genug abgeschweift und weiter im Text: Nachdem hier der
Anschein der Glorifizierung von Akadama erweckt wurde, möchte ich
aber auch einige Nachteile aus meiner Erfahrung erwähnen: Der
beschriebene, ältere Akadama-Kernballen neigt bei allmählicher
(erwünschter) Verdichtung zur Bildung von (unerwünschten)
Trockenheitsnestern, dies gilt vor Allem für Phasen von hierzulande
anhaltend sehr trockenem Wetter mit niedriger Luftfeuchte und hohen
Temperaturen (sogenannte Jahrhundertsommer), ganz anders als in
Japan, dort sind die Sommermonate sehr regenreich mit extremer
Luftfeuchte. Es ist also notwendig, hier genau zu beobachten und zu
handeln: Der Kernballen kann recht gut 1-2 x im Jahr mittels einer
feinen Ahle von oben mehrfach vorsichtig durchbohrt werden um die
Wasserdurchdringung zu erleichtern, ebenso empfiehlt sich im
Anschluss an das gründliche Gießen eine zusätzliche partielle
Wassergabe mittels Ballbrause die durch leichten Druck direkt in den
Kernballen eingebracht wird. Dieser verhältnismässig kleine, aber
sehr zu empfehlende zusätzliche Aufwand mindert kaum die Vorzüge
von Akadama zumal in einem normalen, feuchten Sommer dies auch
hierzulande nicht ganz so wichtig ist, denn in diesem Falle bringen
mehrere aufeinanderfolgende Regentage dann den Kernballen auch von
selbst wieder in Ordnung.
Einen
alten Baum verpflanzt man nicht! Diese Erkenntnis ist sicher
begründet, die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass ein gut
gepflegter
Akadama-Kernwurzelballen das Umpflanzen selbst alter Bäume, bes.
Koniferen, recht
sicher ermöglicht und zudem den Intervall zwischen dem Umtopfen
sehr verlängert, alte Bäume verpflanzt man somit so selten wie möglich!
Der unschlagbare
Vorteil von Akadama zeigt sich erst nach
mehreren Jahren wenn dann von Akadama-Bims Kernballen erneut in die selbe
Mischung umgetopft wird, dann aber als sehr positive Überraschung!
Auch die notwendigen stärkeren Wurzelrückschnitte ausserhalb des Kernballens werden dann
sehr gut vertragen!
Aber:
Nicht alle Baumarten reagieren nur positiv auf Akadama, ich habe
die Erfahrung gemacht, dass sich z. B. Apfel- oder auch Buchsbaum in
anderen mineralischen Substraten mit hoher organischer Zugabe wohler
fühlen (Thymian und andere Hartlaubgehölze ohne Humuszugabe in leichter abtrocknendem Substrat),
ein wenig Experimentieren ist also auch hier anzuraten, es
ist dann aber zu beachten, dass häufiger umgetopft werden muss
wenn ein nennenswerter Anteil organischen Substrats verwendet wird.
Für die meisten Laubgehölze ist der erwähnte verdichtete
und feinstverzweigte
Kernballen nicht von gleicher Bedeutung für das Umtopfen wie dies
bei Koniferen zu
beobachten ist, Laubgehölze vertragen stärkere
Rückschnitte des
Wurzelballens besser, hier ist also Akadama nicht immer die erste Wahl.
Tipp:
Ich möchte zum Thema Akadama das Buch „Der Bonsai Ketzer“ von
Michael Hagedorn wärmstens empfehlen, hier wird
die Akadama-Thematik, auch aus der Sicht der japanischen Praxis, nochmals wesentlich ausführlicher abgehandelt.
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