Bwoom-Japan
Galerie für traditionelle Kunst aus Japan 
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Redaktioneller, privater Inhalt:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,
würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Martin Luther

Im Folgenden möchte ich gerne aus meiner täglichen Praxis entstandene Erfahrungswerte und Pflegehinweise zur Bonsaikultivierung weitergeben. Diese Angaben beziehen sich auf einen innerstädtischen Gartenstandort in Norddeutschland / Wolfenbüttel am südlichen Rand der norddeutschen Tiefebene, ca. 100 Meter ü. NN, Winterhärtezone 7b (nach Wulff E. & Bouillon J. 2024). Die tiefste in den letzten 10 Jahren von mir gemessene Temperatur betrug im Garten in 1,5 Meter Höhe -19,8° C im Februar 2021, der Höchstwert betrug im Sommer 2022 +39,8° C.
An anderen Standorten Deutschlands können diese Erfahrungswerte zur Bonsai-Kultivierung naturgemäß nicht vollumfänglich gelten, so z.B. im Alpenvorland, in höheren Berglagen oder in sehr milden Gebieten am Niederrhein. Die Lage in Norddeutschland stellt jedoch sicher einen guten Mittelwert zur Orientierung dar, auch wenn dies niemals als allgemeine Garantie verstanden werden sollte.

Disclaimer: Die folgenden Bonsai-Ausführungen decken sich nicht immer mit allgemeiner „political correctness“, dem diesbezüglich sensiblen Leser möchte ich daher empfehlen, ab hier nicht weiterzulesen!

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Den Drachen jagen: Im alten China wurde gerne Opium durch das Erhitzen auf einer feuerfesten Unterlage konsumiert wobei das durch die Erhitzung sich verflüssigende, „drachenförmig“ verlaufende Opium mittels eines Strohhalmes oder einer Pfeife „verfolgt“ wurde um die aufsteigenden berauschenden Opiumdämpfe zu inhalieren. Davon abgeleitet entstand der poetische Begriff „den Drachen jagen“. Natürlich konnte man bei dieser Art des Jagens niemals diesen Drachen „fangen“, dafür wurde man jedoch -ohne es wahrhaben zu wollen- schnell selbst zum Gejagten um dann vom Drachen sehr bald ergriffen und oft sogar ganz erlegt zu werden.

Auch die intensive Beschäftigung mit der Bonsaikunst erinnert gelegentlich an dieses Drachenjagen, denn viele bedeutenden Bäume, insbesondere Wacholder, haben durchaus drachenartigen Charakter und werden sogar manchmal danach benannt. Die Verfolgung dieses Bonsai-Drachens, in Form der manischen Suche nach gutem Rohmaterial, dem vertieften Studiums sowie intensiver Versuche ähnliche Formen zu erzeugen, lässt durchaus eine Analogie zum Opiat-Drachen erkennen, denn auch hier wird -ebenso meist unbemerkt- der Drachenjäger selbst zum Gejagten und auch bald zum ewigen Gefangenen des Drachens. In ersterem Falle, dem Opiat-Drachen, möchte ich dringlich von einer näheren Begegnung abraten, in letzterem Fall jedoch, wenn der Kontakt zum Bonsai-Drachen ohnenhin bereits erfolgt ist, gibt es für viele jagende Leser leider keine Rettung mehr, hier kann ich nur sagen: Pech gehabt und herzlich willkommen im Klub!

Es bleibt aber als Trost zu sagen, dass es möglich ist den Bonsai-Drachen, anders als den Opium-Drachen, am Ende doch noch zu fangen: Diese oft langwierige, aber spannende Jagd kann also durchaus noch zu einem erfreulichen Ergebnis führen, zudem meist ohne gesundheitlich negative Nebenwirkungen für den Jäger und den Gejagten.

All Bonsai Enthusiasts Are Crazy!
Peter Chan, MBE, Bonsai Master (GB)




Die Kunst besteht nur zu 10 Prozent aus Inspiration, aber zu 90 Prozent aus Transpiration: Diesen gern zitierten Spruch sollte man sich immer wieder mal vor Augen führen, denn gerade auf die Bonsai-Kunst ist diese Relation besonders gut anwendbar: Tatsächlich nehmen die Kultivierungsmaßnahmen der Bäume den wichtigsten Part ein und müssen immer den Gestaltungsansprüchen übergeordnet werden. Nur ein kerngesunder, starkwüchsiger und gut eingewurzelter Baum verträgt drastische Bonsai-Gestaltungen sowie Schnittmaßnahmen und um diesen Status zu erreichen, kann dies oft mehrere Jahre Zeitaufwand und viele, viele schweißtreibende sommerliche Gießvorgänge bedeuten, bevor die künstlerische Ader zum Zuge kommen kann.
Auch sollte das Organisatorische nicht unterschätzt werden, besonders die Einweisung einer verlässlichen Vertretung zum Gießen im Urlaubs- oder Krankheitsfall, aber auch das Transportieren von Substraten und Gartenarbeiten allgemein sind nicht zu unterschätzen. Wer diese Voraussetzungen nicht erbringen kann oder möchte, sollte der Bonsai-Liebhaberei eher kritisch gegenübertreten.

Falsche Reihenfolge in der Anzucht / kein Plan: Die Entwicklung von Bonsaibäumen wird gerne in mehrere Phasen unterteilt: Die Aufzucht bzw. Materialentwicklungsphase, die Gestaltungsphase und die Phase der Verfeinerung und Reifung, nur um es ganz grob darzustellen. Es ist nicht zielführend die Phase der Entwicklung frühzeitig zu unterbrechen da der betreffende Baum sich noch im Aufbau befindet und Narbenheilung, Stammverdickung sowie der Aufbau des Wurzelansatzes noch nicht abgeschlossen sind. Gerade die Schnittstellen-Überwallung und anschließende Wundholzbildung bei größeren Narben funktioniert in der geräumigen Anzuchtschale oder in der Feldkultur wesentlich schneller und zuverlässiger als in der kleineren Bonsaischale, zum Überfluss neigen manche Baumarten sogar dazu, ihre Wundholzbildung in kleinen Schalen irgendwann ganz einzustellen, man wird hier dann wohl nie zu dem gewünschten Ergebnis gelangen. In der frustrierenden Schlussfolgerung wird dann der bereits verfeinerte Baum wieder in eine Anzuchtschale zurückverpflanzt wodurch die bestehenden groben Fehler des Baumes nun zwar in absehbarer Zeit beseitigt werden, leider aber auch die bis dahin mühsam erlangte Verfeinerung. Der Baum verjüngt und vergröbert sich auf wundersame Weise durch das Auspflanzen, insgesamt also ein erheblicher, durch Ungeduld verursachter Zeitverlust.
Auch Yamadori, also Bäume die der Natur entnommen wurden, benötigen erhebliche Zeit zur Einkultivierung nach ihrer Bergung. Es vergehen oft mehrere Jahre Zeit, dies gilt besonders für älteren Exemplare, bis der Baum den Umpflanzschock verkraftet hat. Verfrühtes Gestalten sowie Umpflanzen können zum bösen Erwachen des Kultivateurs führen wenn der Baum anschliessend umgekehrt in einer Art Schlafzustand verbleibt und lange Zeit nicht mehr so recht wachsen will, was wiederum viel Zeitverlust oder schlimmeres bedeutet.




Hase und Igel (das Alter von Bonsai überbewerten): Manchmal drängt sich in der Bonsai-Anzucht die Fabel von Hase und Igel auf: Der Hase (Jungpflanze) fordert den Igel (Yamadori) zum Wettrennen heraus: Auf seine jugendliche Kraft und Wüchsigkeit vertrauend, glaubt er das Rennen leicht zu gewinnen, jedoch den Igel unterschätzend, der mit einem fiesen Trick arbeitet um den Hasen in den Wahnsinn und Tod zu treiben, oder ist es vielleicht umgekehrt in Bezug auf Bonsai? Ist ja auch egal und bevor ich jetzt den roten Faden verliere, bleibt zu sagen, dass im Bonsai-Beispiel nach einigen Jahren durchaus Hase und Igel im Rennen gleichauf liegen können und gemeinsam durch das Ziel gehen, manchmal überholt der Igel den Hasen und zeitweilig ist der Hase wieder im Vorteil und wenn alles gut gelaufen ist unterscheiden sich Yamadori und Sämlingsanzuchten nach einer Reihe von Jahren immer weniger voneinander. Die Vorteile des perfekt gestalteten Wurzelansatzes (Nebari), mit dem die selbst gezogene Jungpflanze punkten kann, ebenso die möglicherweise spannende Formgebung, stechen einen Durchschnitts-Yamadori im Gesamtergebnis recht bald aus, besonders wenn dieser lediglich durch die fortgeschrittene Reifung überzeugen kann. Ein Phänomen das auch bei der ursprünglichen Jungpflanze immer mehr zum Vorschein kommt und oft erstaunlich bald auf einen Gleichstand hinausläuft, wobei die Bezeichnung „bald“ natürlich auf Bonsai bezogen ist, also eine Reihe von Jahren meint.

Zur Beachtung: Ein fünfhundertjähriger Baum hat keine fünfhunderjährige Borke, denn die Borke wird im Laufe der Zeit an der Aussenseite allmählich abgestossen und durch die darunterliegende Rinde immer wieder ersetzt, die greifbare Borke ist also meist nicht älter als einige Jahrzehnte, auch bei einem uralten Baumveteranen. Ebenso entspricht der noch vorhandene Bereich des Stammes bei einem Laubgehölz nicht dem Alter des Baumes: Der Stamm ist stark ausgehöhlt, die ersten Jahrhunderte der Baumsubstanz sind längst zu Humus geworden und dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt, hier also der umgekehrte Substanzverlust: Das alte Kernholz rottet und wird nach innen abgestossen. Der tatsächlich noch vorhandene, ausgehöhlte Teil des Stammes einer tausendjährigen Eiche ist also lediglich 200 – 300 Jahre alt. Bezogen auf die real vorhandene Substanz gibt es eigentlich keine tausendjährigen Bäume, lediglich lebende „Fragmente“ deren ursprüngliche Keimung im Ausnahmefall 1000 Jahre zurückliegt...

Irgendwann, bezogen auf Bonsai, wird also der Hase selbst zum Igel und dies oft schon eher als gedacht, denn die nur fünfzigjährige Kiefer zeigt in der Verkleinerung und in Relation bereits den mächtigen Stamm eines am Naturstandort viel älteren Baumes, wenn auch noch ohne die Hohlform des Stammes, auch die Borke ist bereits weit entwickelt und lässt sich kaum noch von der sich bereits vielfach erneuerten Borke eines insgesamt wesentlich älteren Baumes unterscheiden.

Ein weiterer interessanter Hase-Igel-Effekt ist gelegentlich auf Auktionsplattformen, besonders bei private Anbietern zu beobachten: Es werden Bonsai z. B. mit der Altersangabe „ca. 20 Jahre“ angeboten wobei ich mir schon oft die Frage gestellt habe, wie kann es möglich sein in so langer Zeit so wenig Bonsai zu erzielen zumal hier die jugendliche Frische des Baumes oft sehr beeindruckend ist. Mir ist dies so noch nie geglückt, irgendwie wirken die eigenen Bäumchen nach 20 Jahren wesentlich älter, ich frage mich ob auf den Auktionsplattformen wohl Hase und Igel manchmal gemeinsam Schabernack treiben? Aber wer weiß das schon so genau, es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben...




Vorher-Nachher Effekt (everything at once) und kein Plan B: In den zahlreichen, sehr beliebten, oft in Japan gedrehten Online-Videos sind spektakuläre Gestaltungen von Wacholdern und Pinien zu sehen bei denen beherzt gedrahtet, gebogen, exzessiv geschnitten und gleichzeitig mit Wurzelschnitt in eine kleine Bonsaischale getopft wird, das Ganze am Ende der Vorführung dann mit spektakulärem Vorher-Nachher-Effekt. Dies kann unter japanischen Klimabedingungen durchaus funktionieren, denn die im Frühling vorgenommenen Gestaltungen und Pflanzungen fallen dort in eine sehr regenreiche, luftfeuchte und warme, geradezu wonnige Zeit der Kultivierung. Achtung: In Deutschland kann die Zeit des Frühlings und Frühsommers aber durchaus auch mal durch wochenlange Hitze und Regenarmut in Verbindung mit niedriger Luftfeuchte glänzen, aber auch sehr kühle Phasen sind in dieser Zeit nicht aussergewöhnlich. Hier zum Vergleich: Tokio hat etwa die dreifache(!) jährliche Niederschlagsmenge gegenüber Norddeutschland, mit Spitzenwerten im Frühsommer bei gleichzeitig nicht vorhandener Spätfrostgefahr im Frühling. Es ist daher erfahrungsgemäß sinnvoller, hierzulande diese Arbeitsschritte zu verteilen, oder um es kurz herunter zu brechen: Bitte diese Video-Vorführungen nicht einfach ungefiltert nachmachen ohne die Rahmendaten zu berücksichtigen.

Auch in der europäischen Bonsaiszene sind entsprechende Videos sowie Live-Vorführungen auf Bonsai-Ausstellungen zu sehen. Hier wird, wohl auch aus den oben genannten Gründen, zwar meist auf gleichzeitiges Umtopfen verzichtet, aber oft drastisch gebogen, ausgekehlt, entrindet und massiv beschnitten. Das ist in Ordnung sofern der Gestalter die anschließende professionelle Nachsorge beherrscht und auch bei Bedarf die Möglichkeit zur Unterstellung im Gewächshaus hat. Es spricht für den nicht-öffentlichen Gestalter aber definitiv nichts dagegen hier immer einen Plan B auf der Hinterhand zu haben: Falls vorhanden, sollten Ersatzäste, die zwar im Moment nicht zur Gestaltung passen und den Vorher-Nachher-Effekt sehr mindern, aber im Falle eines Schadens nach dem Drahten sehr hilfreich sind, gerne belassen werden, schneiden kann man immer noch wenn (hoffentlich) alles gut gegangen ist. Ich glaube dies ist ein sehr weiser Ratschlag, besonders wenn man mit der Kultivierung noch nicht sehr erfahren sein sollte.

Tipp: Auch manche Gestaltungen die in einem Rutsch „auf Biegen und Brechen“ ausgeführt werden, könnten eigentlich auch genausogut in zwei Etappen, im Abstand von 1-2 Jahren und mit minimalem Risiko ausgeführt werden zumal der private Bonsai-Gestalter nicht dem Stress der Bühne oder der Videokamera ausgesetzt ist und in erster Linie das Wohlergehen des Baumes verinnerlichen kann.

Dies soll nun aber keine allgemeine Kritik an derartigen öffentlichen Gestaltungen sein, denn diese haben schon so manchen Neuling in den Bann der Bonsaikunst geführt, nur sollten diese All-In-One-Gestaltungen lieber nicht von begeisterten Novizen gleich in dieser drastischen Form ausgeführt werden...




Halbherzige Gestaltungen: Obwohl teils im Widerspruch zum vorangegangenen Absatz, bezieht sich dieser Hinweis jedoch in erster Linie auf Gestaltungen durch stärkere Schnittmaßnahmen besonders an Laubgehölzen: Im Rahmen von derartigen Grundgestaltungen sollte nach einem konkreten Plan vorgegangen werden und dieser, soweit dies der Kultivierungszustand des Baumes und der eigene Erfahrungsschatz zulässt, auch voll umgesetzt werden. Der Baum sieht dann meist sehr gerupft, geradezu verunstaltet aus, kann aber oft nur durch diese drastische Schnitte überhaupt sein zukünftiges Potential entfalten. Wenn der Neuaufbau nach diesem Einschnitt abgeschlossen ist, zeigt sich dann nach einigen Jahren das -oft spektakuläre- Ergebnis das dann, nachdem die drastischen Schnitte verheilt sind, die Verfeinerungsphase einläutet. Ganz anders verhält es sich bei „halben Sachen“ die dann immer wieder nachträgliche Einschnitte mit anschliessend erneuter jahrelanger Heilungsphase notwendig machen und somit letztlich viel mehr Zeit kosten.


Klassische Bildhauerei zum Vorbild: „Einfach alles wegkloppen was scheiße aussieht, dann wird das schon“, so der zwar gut gemeinte, aber etwas lässige Rat des Bildhauermeisters an seinen neuen Lehrling: Leider trifft dies auch in Bezug auf Bonsaigestaltung nur bedingt den Kern der Sache: Zwar wird auch hier in vielen Fällen mittels Reduktion in der Grundgestaltungsphase gearbeitet wobei allerdings einige elementare Unterschiede zueinander bestehen: Der Bildhauer arbeitet mit totem Material und das fertig „gekloppte“ Werk kann dann kaum noch nachgearbeitet werden, verhält sich also statisch, wohingegen der Bonsaigestalter es mit lebendigen Strukturen zu tun hat, was viele zusätzlich Möglichkeiten eröffnet: Fehlende Äste können manchmal durch einen vorhandenen kleinen Trieb oder Knospen neu aufgebaut werden, auch die Möglichkeit der Veredelung / Bohrpfropfung bietet sich hier gelegentlich an und vorhandene Makel, z. B. unschöne Einschnürungen oder inverse Verjüngungen an Stämmen, lassen sich durch gezielte Kultivierung verbessern, ebenso führt die allmähliche Reifung der bearbeiteten Bereiche zu einem mit der Zeit sehr viel besseren Ergebnis als kurz nach der Gestaltung. Ein Bonsai ist also grundsätzlich dynamisch, was einen grossen zusätzlichen Reiz gegenüber der klassischen Bildhauerei darstellt, man muss also immer die künftige Entwicklung des Baumes schon während der Grundgestaltung erahnen und mit einbeziehen.

Natürlich ist in beiden Fällen das „Wegkloppen“ alles andere als einfach und bedarf reichlich Übung und Erfahrung um allmählich zu guten Ergebnissen zu gelangen, hier sei aber nochmals der Vorteil von Bonsaigestaltungen genannt: So manche verunglückte Bonsai-Bildhauerarbeit ist hier oft durch eine spätere, grundlegende Neugestaltung durchaus noch zu retten während die „verkloppte“ Statue des Bildhauers dann nur noch für den Schutthaufen oder als Brennholz taugt.

Anmerkung: Es gibt aber auch den Trend mittels Maschineneinsatzes grosse lebende Stämme zu Bonsai-Zwecken zu bearbeiten, dabei natürliche und künstliche Totholzbereiche umfangreich zu bearbeiten, grosse Höhlungen auszufräsen, den Baum bzw. Stamm also nahezu beliebig zu gestalten, fast analog zur Bildhauerei. Als Resultat hat sich hier irgendwann der Ausdruck „Art-Sai“ als Abwandlung von Bonsai entwickelt. Es bleibt natürlich Jedermann unbenommen sich derartiger Techniken zu bedienen, ich empfehle aber eher die natürliche Methode, bei der motorbetriebene Fräsen nicht oder nur für grobe, notwendige Arbeiten zum Einsatz kommen. Sharibereiche werden durch das Entrinden und die anschliessende Kallusbildung in Verbindung mit der natürlichen Alterung des nun freiliegenden Holzes erzeugt, tote Äste hingegen durch das Abnehmen von Fasern sowie das Erzeugen von Bruchstellen sehr naturnah bearbeitet, wobei auch hier immer wieder die natürliche Witterung Einfluss nehmen kann. Auch wenn dieses manuelle Vorgehen viel mehr Zeit kostet, besteht immer die Chance am Ende ein perfektes Ergebnis zu erhalten das von natürlich entstandenen Strukturen kaum noch zu unterscheiden ist, der massive Werkzeugeinsatz hingegen wird in seiner Struktur wohl für immer sichtbar bleiben...




Umtopfen-Fauxpas I: Wir alle kennen die Problematik, dass nach dem Umpflanzen mit umfangreichem Wurzelschnitt, der Baum in der Schale sich nach einigen Tagen geneigt hat (übrigens fast immer in die falsche Richtung) oder dass die verwendete Bonsaischale plötzlich doch nicht so recht gefällt und auf „die Schnelle“ entschieden wird den Baum nach wenigen Tagen erneut umzutopfen. Dies stellt jedoch für die meisten Baumarten, besonders für alle Koniferen, eine enorme Belastung dar: Die Bäume haben nach dem ersten Umpflanzen einen Schock zu verkraften und die Wurzelneubildung, insbesondere die Bildung von lebensnotwendigen Feinwurzeln, läuft nach einigen Tagen bereits auf vollen Touren, dieser Vorgang wird jedoch beim erneuten Umpflanzen harsch unterbrochen bzw. sogar zunichte gemacht und der Baum muss anschliessend nun seine letzten Reserven für den zweiten Start aufwenden, was nicht selten zu schweren Beeinträchtigungen oder gar zum „plötzlichen Bonsaitod“ führt.

Fazit: Einmal neu gepflanzt, bitte den Baum unbedingt in Ruhe einwurzeln lassen, eine fehlerhafte Stellung des Baum in der Schale kann dann gefahrlos im Spätsommer korrigiert werden (ohne neues Umpflanzen), dies dann lediglich durch beherztes Ausrichten in der Schale mit Fixierung z. B. mittels an der Schale befestigtem Draht. Auch die genannte bessere Schale muss dann bis zum nächsten Umpflanztermin warten, dies ist zwar alles etwas dumm gelaufen für den Gestalter, aber ein wahrer Segen für den Baum.




Den Wurzelballen gewaltsam an Schale anpassen (Fauxpas II): Ein klassischer Fall in Ergänzung zum vorherigen Abschnitt: Nach vielen Auswahlversuchen ist nun endlich die vermeintlich optimal passende Bonsai-Schale gefunden, leider zeigt sich beim Wurzelschnitt, dass der Wurzelballen komplexer verwachsen ist als ursprünglich angenommen, kurz gesagt: Der Baum will auch nach stärkerem Wurzelschnitt immer noch nicht so recht in die Schale passen. Im Eifer des Gefechts wird nun mehr geschnitten als es dem Baum gut tut, es wird schon klappen, irgendwie. Ich erspare mir das häufig im Anschluss zu beobachtende Ergebnis zu beschreiben und verweise dringlich darauf immer eine zweite, etwas größere Schale parat zu haben, es ist einfach besser so...


Wachstumshormone wegschneiden (Fauxpas III): Um den Prozess der Zellteilung in Gang zu setzen und zu steuern greift der Baum auf Wachstumshormone zurück die er, im Rahmen der Photosynthese, selbst produziert. Immergrüne Gehölze haben die Möglichkeit theoretisch auch innerhalb der Winterruhe die Hormone nachzuproduzieren, spätestens jedoch sobald im Frühling der neue Austrieb beginnen soll, also sozusagen "on the fly", dementsprechend werden bei Immergrünen also nur relativ wenige Reserven für die Überwinterung benötigt. Ganz anders jedoch bei laubabwerfenden Gehölzen: Diese sind elementar auf diese im Vorjahr angelegten Hormon-Reserven angewiesen: Diese Depots befinden sich teils im oberirdischen Holz, oft aber überwiegend im verholzten Wurzelsystem und bes. in der Pfahlwurzel. Wenn zu frühzeitig im Jahr, noch in der Vollruhe umgepflanzt wird, bei gleichzeitig starkem Wurzelschnitt, werden also auch die eingelagerten Wachstumshormone zu großen Teilen weggeschnitten. Dies lässt sich umgehen, wenn mit dem Umpflanzen, mit starkem Wurzelschnitt, abgewartet wird bis die Wachstumshormone wieder freigesetzt wurden und an den Vegetationspunkten angelangt sind, erkennbar am Anschwellen der Knospen.
Nun könnte man meinen, dass bei drastischen oberirdischen Rückschnitten und gleichzeitigem Wurzelschnitt, bei denen hinter die Winterknospen zurückgeschnitten wird, dieses Prinzip nicht gelten kann, die Vegetationspunkte wurden ja entfernt, hierzu gilt folgendes: Auch hier greifen die bereits freigesetzten, im Holz aufsteigenden Hormone zur Erweckung von Rückknospen und schlafenden Augen, wenn auch schwächer als wenn oberirdisch ohne Wurzelschnitt stark eingekürzt wurde. Grundsätzlich ist es also besser und sicherer wenn bei starken oberirdischen Reduktionen nicht zugleich mit starkem Wurzelschnitt getopft wird, auch wenn einige Laubgehölz-Arten dies relativ gut vertragen, der Austrieb wird dann aber schwächer ausfallen.
Ideal ist es daher, bei Laubgehölzen, den endgültigen oberirdischen Rückschnitt kurz vor dem Knospenschwellen und das Umpflanzen mit Wurzelschnitt nach Beginn des Schwellens auszuführen, also einen Abstand von etwa 2-3 Wochen im zeitigen Frühling zu wahren.



Falsches Substrat für Bonsai: Auch wenn aus Beschaffungs- und Kostengründen sehr verlockend, kann von der Verwendung von Blumenerde oder Gartenboden als Bonsai-Substrat nur abgeraten werden. Die Gründe hierfür sind sehr simpel und einleuchtend: Das für Bonsai traditionell verwendete, durchlässige mineralische Substrat hat die wichtige Eigenschaft praktisch niemals durch Staunässe Probleme zu verursachen, Staunässe ist jedoch der wohl häufigste Grund für Wurzelfäule und das folgende Absterben von Bonsai! Gartenerde verdichtet sich recht schnell und torfhaltige, „normale“ Blumenerde kann im Dauerregen matschig werden, beide Substrat-Arten altern bzw. verdichten sich darüber hinaus schnell, so daß bei anhaltender Regenarmut und trotz fleissigen Gießens Ballentrockenheit entstehen kann, dies als das wohl zweithäufigstes Motiv für Bonsai-Bäume sich aus dem Leben zu verabschieden. Das Paradoxe ist hierbei, daß sich in humosem Substrat vorläufig durchaus sehr gute Wachstumsergebnisse zeigen, leider ist die Freude hier meist nicht lange anhaltend wenn dann nach dem ersten Winter in diesem Substrat die genannten Probleme auftreten. Eine Ausnahme stellen Jungpflanzen dar die in organischen Substraten sogar sehr gut gedeihen, allerdings nur wenn jährlich in frisches Substrat umgetopft wird, etwa vergleichbar mit der Zimmerpflanzenkultivierung. Ältere Bonsai sollten aber ungestört über mehrere Jahre ihre Wurzeln entwickeln, hier wäre jährliches Umtopfen eher kontraproduktiv und auch sehr aufwändig. Das mineralische Substrat ermöglicht nicht nur gutes Wurzelwachstum allgemein, sondern auch mit der Zeit eine besonders feine Verzweigung der Wurzeln und diese Feinverzweigung ist wiederum für die oberirdische Verzweigung von größter Bedeutung, somit eine Grundvoraussetzung für filigrane Bonsai allgemein.

Die Verwendung von mineralischen Substraten ist für die dauerhafte Bonsaikultivierung also essenziell! Dieser hervorgehobene Satz soll durchaus die Wirkung eines Gesetzestextes zeigen, denn die konsequente Befolgung hat mich über lange Jahre gelehrt: Es funktioniert praktisch über beliebig lange Zeit und gilt besonders für reifere, ältere Bäume.




Akadama verteufeln (schlechtes Gewissen I): In Japan ist ein besonderes, lehmartiges, körniges Substrat vulkanischen Ursprungs sehr gebräuchlich: Akadama (dt. Roterde). Dieses Substrat wird jedoch von einigen europäischen Bonsaifreunden mit dem Hinweis des weiten Transports, des hohen Preises und der Eigenschaft mit der Zeit zu zerkrümeln, teils vehement abgelehnt, es stellt sich jedoch die Frage ob dies so haltbar ist: Da es in Japan die wohl spektakulärsten Bonsai gibt, viele Exemplare werden bereits seit fünfzig und manchmal sogar schon über hundert Jahren in der Schale kultiviert, sollte die Betrachtung des hierfür verwendeten Akadama-Substrats einen genaueren, objektiven Blick wert sein!

In Japan wird Akadama meist zusammen mit Bimskies oder Lavagranulat im Verhältnis 70:30 gemischt und so für die meisten Bonsaiarten, vorzugsweise jedoch für Nadelgehölze, als Standard verwendet.

Es ist richtig -und auch erwünscht- dass Akadama mit den Jahren zerfällt, denn dieses Substrat hat die Eigenschaft, trotz der allmählichen Verdichtung, auch bedingt durch den auflockernen Zuschlag von witterungsstabilem Bimskies, weiterhin günstige Bedingungen für das Wurzelwachstum und deren Funktion zu bieten. Im Resultat entsteht ein äusserst fein durchwurzelter Wurzelballen dessen Kern beim Umtopfen geschont wird und dadurch die Mindestanforderung der Versorgung des Baumes unmittelbar nach dem Topfen ermöglicht. Ich habe mit dieser Technik gute Erfahrungen gemacht und wer schon mal versucht hat eine etwas ältere Kiefer mittels totalem Substrataustausch, also ganz wurzelnackt mit erforderlichem Wurzelschnitt umzutopfen, wird wissen, dass es hier im Anschluss zu einem Umpflanzschock kommen kann, der sich dann im zögerlichen oder sogar ganz ausbleibenden Austrieb zeigt und in manchen Fällen, insbesondere wenn die Nachsorge nicht ganz optimal ist, sogar zum Exitus des Baumes führen kann. Dies lässt sich durch den Erhalt des alten Akadama-Bims-Kernballens währen des Umpflanzens zuverlässig vermeiden!

Diese Erfahrung bezieht sich in erster Linie auf ältere, reifere Pflanzen, jüngere Exemplare können in sogenanntem „modernen Substrat“, das seit einigen Jahren als Ersatz in Europa sehr favorisiert wird, durchaus sehr gute Ergebnisse zeigen, manchmal sogar mit besseren Zuwächsen als in der Akadama-Mischung, was aber in diesem Stadium erstmal zu Lasten der Feinverzweigung geht. In bezug auf die allmählich entstehende Feinverzweigung punktet dann wieder Akadama, spätestens zu Beginn der Verfeinerungsphase bietet sich somit die Umkultivierung auf Akadama an. 

Es handelt sich bei diesen genannten „modernen Substraten“ übrigens um Blähtongranulate die eigentlich zur bautechnischen Ausgleichschüttung konzipiert wurden, aber auch als Bonsaisubstrat durchaus verwendbar sind, zumal der angenehm dunkelbraune Farbton und die Körnungsgröße sehr passend sind. Es gibt weitere, ähnliche (meist teurere) mineralische Substrate, diese meist auf Basis vulkanischer Lavalithe, die ähnlich gut funktionieren wenn man von den folgend beschriebenen Effekten absieht denn der weitere große Nachteil dieser „modernen Substrate“ gegenüber Akadama-Bims ist die deutlich mäßigere Wasserhaltefähigkeit und somit auch die schwächere Eigenschaft Dünger zu speichern, oder kurz: Dieses Substrat muss deutlich öfter gewässert und auch stärker aufgedüngt werden.

Wenn ich hier aber kurz nachrechne: Eine stattliche Sammlung von 50 großen und Mittelgroßen Bonsais wird im Durchschnitt alle 4 Jahre getopft, die reine Netto-Akadama-Aufwandmenge beläuft sich auf rd. 2 Liter pro Baum (respektive des Bims-Zuschlags sowie des zu erhaltenen Kernballens), dies ergibt also einen Bedarf von 100 Liter Akadama in 4 Jahren, somit 25 Liter pro Jahr, was gerade 2 Säcken pro Jahr entspricht, dies bedeutet also einen jährlichen finanziellen Aufwand von rd. 50-60 Euro für reines Akadama, durchscnittlich umgerechnet auf alle 50 (wertvollen) Bäume.

Allein der Minderaufwand an hochwertigem Bonsaidünger, übrigens sehr zu empfehlen bei älteren Bäumen, relativiert die Kosten für Akadama bereits recht deutlich, ganz leicht mal eben um die Hälfte da bei anderen mineralischen Substraten eben höher aufgedüngt werden muss

Es wird aber noch viel interessanter wenn der Gießaufwand kalkuliert wird: Mit der Akadama-Mischung komme ich an fast allen Tagen der Vegetationsphase mit einem einzigen gründlichen Durchgang über die Runden, die „moderne Substratmischung“ hingegen nötigt mich oft zu zweimal täglichem Gießen, dies entspricht einem Mehraufwand von rd. 50 Stunden pro Jahr (100 Gießtage á zusätzlich 0,5 Stunden) den ich hier mal mit vorsichtig 10 Euro pro Stunde kalkulieren möchte, also 500 Euro zusätzlicher Aufwand zumal die gesparte Zeit vielleicht sinnvoller und gewinnbringender als in diese Routinearbeit investiert werden kann! Es kommt aber noch besser mit meiner Rechnerei: Wenn ich eine Urlaubsvertretung mit Gießen beauftrage, besteht bei „modernem Substrat“ eine erhöhte Gefahr des Austrocknens, insbesondere falls die beauftragte Person nicht vom Fach sein sollte oder nur einmal täglich Zeit zum Gießen hat und wer hat schon einen gelernten Gärtner zur Aushilfe? Akadama bietet hier wesentlich mehr „Feuchtigkeits-Puffer“, der unter diesen Umständen nicht unterschätzt werden sollte zumal hier möglicherweise die Gesundheit bzw. das Überleben wertvoller Bäume auf dem Spiel steht. Die weitere Kalkulation für die hochwertigen Bäume erübrigt sich, es bleibt nur zu sagen: Dieses Malheur wird dann in einem heißen Sommer nach dem Urlaub sehr ärgerlich und richtig teuer! Voraussetzung ist natürlich, dass vor Urlaubsantritt perfekt gewässert wurde und auch der Akadama-Kernballen gründlich durchfeuchtet wurde (s. U.).

Fazit: Unter diesen Voraussetzungen entpuppt sich Akadama, gegenüber billigen Blähtongranulaten, sogar als die beste Form Geld zu sparen und die höheren Einstandskosten für Akadama verpuffen praktisch genauso schnell wie ein Kartoffelbovist beim Drauftreten.

Noch eine persönliche Überlegung zum Einwand des weiten Transports von Akadama, der damit verbundenen Klimaerwärmung und besonders dem damit verbundenen ewig schlechten Gewissens: Akadama ist ein einmaliges Substrat das so nur in Japan vorkommt, der Import ist somit zwingend und die relative Langlebigkeit, sowie die übliche Fracht per Schiff, machen den Energieaufwand recht überschaubar, ganz im Gegensatz zu aberwitzig hohen Mengen kurzlebigerer Konsumgüter die z. B. von China und Indien genauso um die halbe Welt verschifft werden, gerne auch per Luftfracht. Dieser ganze Wegwerf-Plunder könnte, anders als Akadama, auch hierzulande erzeugt werden, hier sogar ohne Zwangsarbeit und ohne hochgradig ineffizienter Produktion mit hohem Energieaufwand der zudem oft auf Kohle als Energieträger basiert. Leider ist diese simple Erkenntnis irgendwie verdrängt worden, denn bei einer Produktion in Deutschland oder der EU, selbst unter den wettbewerbsfähigen Umweltstandards von 1990, eine unter dem Strich insgesamt deutlich niedrigere Umweltbelastung zustande käme. Das Dogma Klima, Mülltrennung und Bürokratie, eingehüllt in das immer fadenscheinigere Fähnchen Demokratie, bewirkt also oft in seiner Umsetzung das genaue Gegenteil des gewünschten Effekts auf das Weltklima, zudem mit höchst fatalen wirtschaftlichen Nebenwirkungen und Abhängigkeiten für uns alle.

Mir ist übrigens gerade aufgefallen, dass meine weisen Ausführungen zur Klimaschädlichkeit von zwei Sack Akadama endgültig zur Farce entgleiten, denn ich schreibe diese Zeilen an einem PC eines japanischen Herstellers mit Bauteilen aus China, bin leger gekleidet in Hemd und leichter Hose mit Etikett Bangladesh und India und gönne mir, wegen einer verfrühten Hitzewelle im Mai, eine kleine Dose leckeren Eiskaffees, hergestellt und abgefüllt in Thailand, aber bitte nicht weitersagen...

Fazit II: Eigentlich ist die Klimaschädlichkeit von Akadama in Relation in etwa vergleichbar mit dem Entzünden eines Streichholzes auf dem Kraterrand des Vesuvs während eines fulminanten Ausbruchs, wenn überhaupt, denn es bleibt noch anzumerken, dass die beliebten Blähtongranulate (sogenanntes modernes Substrat) bei 1200° C aufwendig gebrannt werden, was bei Akadama nicht der Fall ist, Akadama ist ein natürliches Material, wie Bimskies oder Lava. Es ist also fraglich ob die Energie-Gesamtbilanz hier nicht sogar einen neutralen, oder gegenüber Blähton, sogar leicht positiven Wert für Akadama ergibt.
Auch das Argument der Abhängigkeit von derartigen Importen aus Japan relativiert sich sehr, wenn man bedenkt, dass seit 2019 zwischen Japan und der EU ein Freihandelsabkommen (JEFTA) besteht, ebenso ein über 100 Jahre währender Freundschaftsvertrag zwischen Japan und Deutschland.
Interessant ist auch der dem Klimagewissen geschuldete wundersame Preisauftrieb, z. B. für Torfersatz, dieser macht nun plötzlich kostentechnisch das Dreifache des Naturtorfs aus, besonders nachdem Naturtorf, wegen Klima, weitgehend aus dem Handel verschwunden ist. Hier muss man aber insgesamt positiv denken: Das Geld ist ja nicht weg, es hat jetzt nur ein anderer...

Nun aber genug abgeschweift und weiter im Text: Nachdem hier der Anschein der Glorifizierung von Akadama erweckt wurde, möchte ich aber auch einige Nachteile aus meiner Erfahrung erwähnen: Der beschriebene, ältere Akadama-Kernballen neigt bei allmählicher (erwünschter) Verdichtung zur Bildung von (unerwünschten) Trockenheitsnestern, dies gilt vor Allem für Phasen von hierzulande anhaltend sehr trockenem Wetter mit niedriger Luftfeuchte und hohen Temperaturen (sogenannte Jahrhundertsommer), ganz anders als in Japan, dort sind die Sommermonate sehr regenreich mit extremer Luftfeuchte. Es ist also notwendig, hier genau zu beobachten und zu handeln: Der Kernballen kann recht gut 1-2 x im Jahr mittels einer feinen Ahle von oben mehrfach vorsichtig durchbohrt werden um die Wasserdurchdringung zu erleichtern, ebenso empfiehlt sich im Anschluss an das gründliche Gießen eine zusätzliche partielle Wassergabe mittels Ballbrause die durch leichten Druck direkt in den Kernballen eingebracht wird. Dieser verhältnismässig kleine, aber sehr zu empfehlende zusätzliche Aufwand mindert kaum die Vorzüge von Akadama zumal in einem normalen, feuchten Sommer dies auch hierzulande nicht ganz so wichtig ist, denn in diesem Falle bringen mehrere aufeinanderfolgende Regentage dann den Kernballen auch von selbst wieder in Ordnung.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht! Diese Erkenntnis ist sicher begründet, die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass ein gut gepflegter Akadama-Kernwurzelballen das Umpflanzen selbst alter Bäume, bes. Koniferen, recht sicher ermöglicht und zudem den Intervall zwischen dem Umtopfen sehr verlängert, alte Bäume verpflanzt man somit so selten wie möglich!


Der unschlagbare Vorteil von Akadama zeigt sich erst nach mehreren Jahren wenn dann von Akadama-Bims Kernballen erneut in die selbe Mischung umgetopft wird, dann aber als sehr positive Überraschung! Auch die notwendigen stärkeren Wurzelrückschnitte ausserhalb des Kernballens werden dann sehr gut vertragen!

Aber: Nicht alle Baumarten reagieren nur positiv auf Akadama, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich z. B. Apfel- oder auch Buchsbaum in anderen mineralischen Substraten mit hoher organischer Zugabe wohler fühlen (Thymian und andere Hartlaubgehölze ohne Humuszugabe in leichter abtrocknendem Substrat), ein wenig Experimentieren ist also auch hier anzuraten, es ist dann aber zu beachten, dass häufiger umgetopft werden muss wenn ein nennenswerter Anteil organischen Substrats verwendet wird. Für die meisten Laubgehölze ist der erwähnte verdichtete und feinstverzweigte Kernballen nicht von gleicher Bedeutung für das Umtopfen wie dies bei Koniferen zu beobachten ist, Laubgehölze vertragen stärkere Rückschnitte des Wurzelballens besser, hier ist also Akadama nicht immer die erste Wahl.

Tipp: Ich möchte zum Thema Akadama das Buch „Der Bonsai Ketzer“ von Michael Hagedorn wärmstens empfehlen, hier wird die Akadama-Thematik, auch aus der Sicht der japanischen Praxis, nochmals wesentlich ausführlicher abgehandelt.




Die Haltung von Chirurgen geringschätzen (Umtopfen-Fauxpas IV): Man sollte sich immer vor Augen führen, dass das Umpflanzen von Bäumen generell ein unnatürlicher Vorgang ist: Bäume verbleiben in der Natur grundsätzlich lebenslänglich am Ort ihrer Keimung (wenn man von sehr wenigen Ausnahmen im Hochgebirge mal absieht, dort kann es durch Moränen zu gewaltsamen Verschiebungen kommen, die allerdings meist tödlich enden, nur ein geringer Prozentwert kann hier überleben).

Beim Umpflanzen sollte daher die Zeitspanne, in der das Wurzelsystem frei liegt und bearbeitet wird, so kurz wie möglich gehalten werden, ist dies doch für den Baum ähnlich dramatisch wie für den Menschen eine OP am offenen Herzen. Daher darf zur Anregung auch gerne mal den Chirurgen über die Schulter geschaut werden, auch wenn die Humanmedizin um Einiges Anspruchvoller ist als das Umtopfen, letztlich gelten aber die selben Grundprinzipien: Es ist für Ärzte eine Art von „ritueller“ Handlung vor jeder OP Hände und Unterarme besonders sorgsam zu waschen und auf penibel saubere Arbeitskleidung zu achten, darüber hinaus werden alle notwendigen Geräte sowie Operationsbestecke auf Funktion geprüft bevor die Operation am offenen Herzen, hier analog zur Arbeit am Bonsai-Wurzelballen beginnen kann (Chirurgen können hier zwar, anders als die meisten Bonsaianer, auf geschultes Personal zugreifen, sind aber letztendlich selbst verantwortlich wenn etwas schiefläuft). Auch beim Umpflanzen mit Wurzelschnitt sollte daher die Dauer der OP und damit die Zeit der Vollnarkose in Form des "Umpflanzschocks" für den Baum-Patienten so kurz wie möglich gehalten werden was durch die ausgesprochen disziplinierte, "chirurgisch" motivierte Arbeitshaltung sehr erleichtert wird! Auch die Bonsai-Werkzeuge sollten sauber sein, wenn auch die Arbeitskleidung hier nicht ganz so wichtig ist.

Daher sollte vor jedem Umtopfen auch der Bonsaianer zuerst auf Reinlichkeit sowie einen aufgeräumten Arbeitsplatz achten und folgende Dinge überprüfen:

Sind die erforderlichen Werkzeuge wirklich sauber und idealerweise sogar sterilisiert?

Sind alle Utensilien vor Ort, tatsächlich alle?

Stehen die benötigten Substrate fertig gemischt in wirklich großzügig ausreichender Menge zur Verfügung? Ständiges Nachmischen kostet viel Zeit und nervt sehr.

Sind die Bonsaischalen für das Einpflanzen präpariert, also mit Haltedrähten und fixierten Abzugsnetzen versehen? Stehen alternative, grössere Schalen bereit, falls die "optimal" gewählten Schalen doch nicht passen sollten?

Steht eine Sprühflasche mit sauberem Wasser zur Verfügung und ist diese wirklich leichtgängig, besonders falls die Wurzel-OP länger dauern sollte und zusätzliche „künstliche feuchte Beatmung“ notwendig wird?

Ist die Kanne zum Angießen griffbereit und gut gefüllt?


Wurde der Standort für die frisch getopften Bäume sorgsam ausgewählt und ist dieser frei zugänglich um unnötiges Rücken und Hin- und Hergeräume direkt nach der OP zu vermeiden?

Dies hört sich alles zwar ausgesprochen banal an, ist es aber nicht, ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass bei mir, trotz besseren Wissens, noch nie(!) alles perfekt gelaufen ist und Hand aufs Herz: Wer kann dies nicht bestätigen?
Die ewige Sucherei, das „schnell mal Nachschärfen oder Nachziehen“ von Werkzeugen und das Befüllen von Kannen kann die Dauer des Umpflanzvorgangs mal eben um das Doppelte und mehr verlängern, ganz zu schweigen von Improvisationen auf die Schnelle, wenn irgendein Werkzeug verschwunden sein sollte, zwar am Vortag bereitgelegt, aber von der lieben Frau kurz mal für was anderes im Garten ausgeliehen, kein Verständnis seitens Madame, dafür aber Beschwerde über ruppigen Tonfall, schon schwillt wieder der Kamm, aus ist es mit der Konzentration: Ein völlig unnötiger Stressfaktor für den 
„Operateur“ und ebenso für den Baum.
Fazit: Durch die verbesserte Attitüde lässt sich am langen Ende das Operationsrisiko für die Bäume deutlich verringern, das Ausfallrisiko wird erheblich minimiert, die Erholungsphase verkürzt und es macht insgesamt sehr viel mehr Freude!




Die Nachsorge vernachlässigen (Umtopf-Fauxpas V): Im Prinzip nicht ganz unähnlich wie bei einer humanmedizinischen Operation verläuft auch bei Bonsai und anderen Pflanzenarten die anschliessende Erholung und Gesundung nicht besonders gut wenn die Nachsorge und ggf. "intensivmedizinische" Betreuung nicht ernst genug genommen wird: Nach dem Umtopfen mit Wurzelschnitt, oder auch wenn umfangreiche Gestaltungsmassnahmen vorgenommen wurden, sollten die Bäume immer besonders geschützt aufgestellt werden:


Für guten Windschutz sorgen!

Nicht in die direkte Sonne stellen!

Nicht übermässig giessen, zwischenzeitlich immer leicht abtrocknen lassen (bes. Koniferen)! Es kann notwendig werden bei Dauerregen für zeitweiligen Regenschutz zu sorgen.

Bei anhaltender Trockenheit nach dem Umtopfen für Luftfeuchte sorgen, in diesem Falle zusätzlich die Umgebung des Standorts feucht halten und die Bäume regelmässig übersprühen, besonders in den ersten Tagen.

Unbedingt vor Spätfrösten in Acht nehmen!
Manchmal kann die vorübergehende Unterstellung im Kalthaus nützlich sein, dies jedoch nur solange es unbedingt notwendig ist.

Frisch getopfte Bäume noch nicht düngen bis sich das Wurzelsystem regeneriert hat!

Als Faustregel gilt hier, dass die Bäume wieder normal behandelt werden können sobald sich gesunder Neutrieb zeigt und insgesamt ein vitaler Ausdruck zu erkennen ist bzw. wenn dies auch durch das schnellere Abtrocknen des Substrats erkennbar wird. Erfahrungsgemäss beträgt diese Schonzeit etwa 2 Wochen, je nach Witterungsverlauf aber auch 1-2 Wochen länger.



Nachlässiges Gießen bzw. den tatsächlichen Aufwand unterschätzen: Gerade in den heißen, trockenen Sommermonaten, wie diese wiederholt in den letzten Jahren aufgetreten sind, sollte besonderes Augenmerk auf sorgsames Gießen gelegt werden: Die Verlockung ist sehr groß, hier buchstäblich nach dem „Gießkannenprinzip“ vorzugehen und für alle Bäume in etwa die gleiche Menge Wasser oberflächlich zu verteilen. Dieses Vorgehen reißt gerne, auch aus zeitlichen Gründen, immer wieder ein. Das mag in einem normalem deutschen Sommer mit ausreichend natürlichem Niederschlag recht gut funktionieren, es mündet jedoch in der Katastrophe wenn es monatelang nicht regnen will und die Bäume mehr und mehr durch nachlässiges Gießen unter Ballentrockenheit zu leiden beginnen. Unter diesen Umständen ist mindestens 1x wöchentlich eine sehr gründliche, mehrfache Wässerung anzuraten, so lange bis reichlich Wasser aus den Abzugslöchern der Schalen austritt. Sollte sich der Baum bzw. die Schale nach diesem Vorgang immer noch verdächtig leicht anfühlen, muss dann getaucht werden. Das Tauchen kann, unter Verwendung der allgemein empfohlenen mineralische Substrate, bereits nach etwa 60 Sekunden gute Wirkung zeigen und wirkt dann wahre Wunder, man kann den Baum in den kommenden Tagen regelrecht „aufatmen“ sehen.


Zusätzlich Düngen wenn der Baum schwächelt: Es ist meist keine gute Idee einen schwächer werdenden Baum durch gut gemeinte Düngegaben kurieren zu wollen. Sobald sich Mangelerscheinungen zeigen, sollte zuerst das Gesamtbild kritisch untersucht werden, ganz besonders der Zustand des Wurzelwerks ist hier entscheidend, denn gerade durch Ballentrockenheit oder gar Staunässe können hier Schädigungen auftreten die, ebenso wie Unterdüngung, zu Mangelerscheinungen führen, man kann dies sehr leicht falsch interpretieren. Wenn in diesem Stadium zusätzlich gedüngt wird, ohne vorab den Kultivierungsmangel zu beheben, wird der Niedergang des Baumes nur erheblich beschleunigt. Das Gleiche gilt natürlich auch für frisch getopfte Bäume, hier geht die sofortige, üppige und gut gemeinte Düngung diametral an den tatsächlichen Bedürfnissen des Baumes vorbei, denn der Baum muss dringlich zuerst sein beschnittenes Wurzelwerk regenerieren, das geschieht am Besten ohne zu viele Nährsalze, hier kommt also ausnahmsweise zuerst die asketische Moral und dann das Fressen.


Grundsätzliches zum Düngen: Oft sind Anfänger davon überzeugt, dass der Dünger die Hauptnahrung für Pflanzen und Bäume darstellt. Dies ist sachlich leider völlig falsch, denn die mit großem Abstand wichtigste Nahrungsquelle für höhere Pflanzen sind die Kohlenstoffe die über die Photosynthese, hauptsächlich der grünen Laubmasse, aus der Luft aufgenommen werden um dann in weiteren Prozessen in Kohlenhydrate umgesetzt zu werden. Genau diese Kohlehydrate sind die Basis für den Aufbau von Volumen im Laub und im Holz, also in allen Bereichen eines Baumes: Höhere Pflanzen bestehen, neben Wasser, also hauptsächlich aus umgewandelten Kohlehydraten. Die genannten Kohlenstoffe, als Kohlendioxid in der Atmosphäre, haben lediglich einen Anteil von rd. 0,04 % am Gesamtvolumen der atmosphärischen Luft, aber trotz der niedrigen Konzentration sind die Pflanzen in der Lage diese hocheffizient zu verwerten. Zudem wird der im Kohlendioxid enthaltene Sauerstoff abgespalten, da von der Pflanze nicht benötigt und als "Frischluft" an die Umwelt abgegeben.

Anmerkung: Ohne das oft einseitig verteufelte „Klimagas“ CO2 in der Atmosphäre wäre hoch entwickeltes Leben, auch menschliches Leben, in dieser Form kaum zustande gekommen, oder drastischer ausgedrückt: Es sähe wohl recht trostlos auf Erden aus ohne diese winzige Prise Kohlenstoff in der Luft da die Basis der pflanzlichen Nahrungskette, die Grundlage allen höheren Lebens, hauptsächlich auf der Verstoffwechslung von den genannten Kohlehydraten aus der Luft basiert.
Allerdings kann der von Menschen verursachte zusätzliche Anstieg von CO2 in der Atmosphäre auch zu Problemen führen, wie übrigens alle veränderlichen Eingriffe in grundlegende Ressourcen. Es sei aber auch erwähnt, dass bislang keine negativen Effekte, zumindest auf das Pflanzenleben durch diesen CO2-Anstieg zu beobachten sind, ganz im Gegenteil: Es gibt Studien die einen generellen Zuwachs der Pflanzenwuchsleistung durch die letzten Jahrzehnte beobachtet haben. Dies könnte man aus gärtnerischer Sicht vordergründig als einen Vorteil betrachten, allerdings ohne den größeren Zusammenhang in Bezug auf den möglichen Einfluss auf das Klima und die dann daraus entstehenden Stressoren zu berücksichtigen...

Neben der sehr reichlichen Aufnahme von Kohlenstoffen aus der Luft sowie dem Vorhandensein von Wasser, benötigen Pflanzen weitere Nährstoffe, oder vielleicht besser gesagt „Nahrungsergänzungsmittel“ als sogenannten Dünger in Form von verschiedenen Mineralien um den genannten Prozess der Photosynthese und weitere biologische Abläufe zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Die mengenmäßigen Hauptnährstoffe bestehen aus Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K) sowie zahlreiche Makronährstoffe, u. A. Eisen, Kupfer, Magnesium. Diese sind alle in vernünftiger Relation in Volldüngern enthalten, generell sind also nahezu alle organischen Volldünger grundsätzlich geeignet, unter Berücksichtigung der Extra-Portion Magnesium speziell für Koniferen, dies dann als Koniferendünger gekennzeichnet und sehr zu empfehlen.

Die Düngung von Bäumen in der Schale ist wichtig da, anders als bei frei wachsenden Bäumen in der Natur, die viele Nährstoffquellen aufschließen können, in der Schale völlig andere Bedingungen herrschen. Bonsai werden vorzugsweise in überwiegend mineralisches Substrat ohne nennenswerte Dünger-Nährstoffquellen gepflanzt (siehe hierzu den vorangegangenen Abschnitt zum Bonsai-Substrat). Die regelmäßige Gabe von Dünger, idealerweise in organischer Form, ist also notwendig. Es eignen sich organische Volldünger, es dürfen aber gerne auch speziell für Bonsai abgestimmte Düngekugeln sein, diese sind besonders für reife, ältere Bäume sehr zu empfehlen und lange erprobt. Hier muss jeder ein wenig experimentieren, wirklich wichtig ist nur, dass alle notwendigen Komponenten eines Volldüngers vorhanden sind und über die Vegetationszeit möglichst immer zur Verfügung stehen. Organische Dünger haben für die Bonsaikultivierung den unschlagbaren Vorteil, dass diese erst durch komplexe Prozesse im Substrat mineralisiert werden um pflanzenverfügbar zu werden. Diese Mineralisierung ist stark temperaturabhängig, so dass während der winterlichen Ruhepause, aber auch bei sehr starker Hitze, wenig „nachproduziert“ wird und somit kaum das Risiko einer übermässigen Ansammlung von mineralisierten Nährstoffen stattfindet, wenn diese gerade nicht benötigt werden und dann eher schädlich wirken würden. Manche erfahrenen Bonsaigärtner düngen auch gerne mineralisch, dies ist aber für Einsteiger eher riskant und auch nicht für alle Baumarten zu empfehlen, die organische Düngung steht also erfahrungsgemäß definitiv auf der sichereren Seite. Da es zur Düngererzeugung umfangreiche Gesetze gibt, kann man sich auf die „Nährwertangaben“ der Packungen durchaus verlassen, es ist also ausnahmsweise in diesem Punkt recht einfach.

Der organische Dünger lässt sich zudem nicht so einfach kritisch überdosieren, hier ein praktisches Beispiel: Eine kleinformatige Lärche sitzt in einer Shohin-Schale mit nur etwa 250 ccm Substrat und wird mit „nur“ je einer Düngekugel 2-3 jährlich versorgt. Eine deutlich grössere Lärche steht in einer relativ voluminösen Anzuchtschale mit 5 Litern Substratvolumen und wird mit etwa 10 Kugeln 3x jährlich der selben Sorte „kräftig“ gedüngt: Tatsächlich wird hier aber der sehr kleine Baum um ein vielfaches stärker mit Nährstoffen versorgt, wenn man die Relation zur Substratmenge berücksichtigt: Hier kann man sich recht leicht verschätzen! Beiden Bäumen geht es jedoch sehr gut, für den großen Baum ist die verhältnismäßig geringe Menge gut ausreichend und für den „Zwerg“ die eigentlich viel zu große Menge offenbar unschädlich. Generell kann es aber nicht schaden die sehr unterschiedlichen Substratvolumen im Pflanzgefäss zu überschlagen um die Düngermenge effektiver zu dosieren, in diesem Beispiel würde also der kleine Baum auch genausogut mit der Hälfte der Düngermenge auskommen. Fazit: Bei Verwendung organischen Düngers bestehen erhebliche Toleranzen zwischen Mindestanforderung und Überschreitung des Maximums, auch aus diesem Grund keine schlechte Wahl, denn wer kann eine genaue mineralische Dosierung tatsächlich bestimmen zumal auch der Witterungsverlauf zu berücksichtigen ist, der nun mal leider nicht vorherzusehen ist.

Grundsätzlich hat sich jedoch ein relativ später Beginn der Düngegaben, etwa ab Ende April, sehr bewährt sofern es sich um bereits verfeinerte Bäume handelt deren Erstaustrieb nicht durch verfrühte Düngegaben über jedes Maß und Ziel hinausschießen soll.

Generell gibt es keine allgemein gültigen, universellen Empfehlungen zur Dosierung und den genauen Zeitpunkt der Düngergaben. Hier ist, wie so oft, die eigene Beobachtungsgabe und die daraus resultierende Erfahrung gefragt: Zu Unterschiedlich sind die Ansprüche einzelner Baumarten, der Standort und Macro-Klima im Bonsaigarten sowie der allgemeine Witterungsverlauf. Einige Starkregenereignisse im Sommer können den Düngeplan schnell über den Haufen werfen, ebenso eine lang anhaltende, trockene Hitzeperiode, hier kann auf Dauer nur die eigene Erfahrung wirklich weiterhelfen!

Weitere Anmerkung: Es ist durchaus keine schlechte Idee unterschiedliche organische Dünger zu verwenden -oder diese sogar zu mischen- da diese humusbildend sind und neben den gut erforschten mineralischen Nährstoffen, zusätzliche natürliche Begleitstoffe enthalten die sich möglicherweise vorteilhaft auf die langfristige Gesunderhaltung von Bonsai auswirken und nun durch Mischung der Düngerarten als „Breitbandtonikum“ zur Verfügung stehen. Es ist denkbar, dass in diesen Dünger-Begleitstoffen sogenannte Pflanzenhilfsmittel enthalten sind, auch wenn dieses Thema wenig erforscht ist. Dies ist aber durchaus eine Überlegung wert zumal es mittlerweile viele belegte Bonsai-Exemplare gibt, die bei dieser Art der Düngung ein sehr hohes Alter erreichen und bereits teils über 100 Jahre in der Schale gut überstanden haben, zudem sind die Prozesse der allmählichen Humusbildung den Lebensbedingungen der natürlich frei wachsenden Bäume ähnlich und können sich grundsätzlich wohl kaum negativ auswirken, dies als weiteres Plädoyer für die naturnahe organische Düngung!




Die Bäume stets in perfekter Form halten: Es ist ein weitverbreiteter Anfängerirrtum, dass Bonsai durch permanentes Schneiden und Pinzieren sowie teilweise Entlaubungen ganzjährig in Form gehalten werden müssen. Auch bereits verfeinerte Bäume sind zwingend auf die Aktivität der Photosynthese angewiesen, dies funktioniert jedoch nur wenn genügend vitale Belaubung während der Vegetationsphase vorhanden ist. Es ist daher immer empfehlenswert den Erstaustrieb erstmal wachsen zu lassen (auch wenn es hier Ausnahmen gibt, z. B. bei Ahornen zur Vermeidung von überlangen Internodien, diese werden frühzeitig am Erstaustrieb pinziert um den direkt folgenden, feineren Zweitaustrieb dann wachsen zu lassen).
Die meisten Laubgehölze werden also im Frühling und nach dem sommerlichen Rückschnitt jeweils recht deutlich über die perfekte Silhouette hinaus wachsen gelassen. Auch wenn das zeitweilig etwas unordentlich aussieht, ist dies jedoch die Lebensversicherung eines jeden Bonsai, denn nur über die möglichst reichliche Photosynthese kann der Baum Kräfte sammeln, somit Kohlenstoffe verstoffwechseln (übrigens die wichtigste „Nahrungsquelle“ höherer Pflanzen, wie weiter oben angemerkt) und somit auch Abwehrstoffe und Wachstumshormone produzieren. Das ständige Pinzieren und Schneiden führt unweigerlich zu einer allmählichen Schwächung des Baumes, der zunehmenden Anfälligkeit gegenüber Insektenbefall und darüber hinaus geht dies auch zu Lasten der Frosthärte und Hitzeresistenz. Ich möchte diese Erkenntnis sogar als essentiell bewerten: Viele im Laufe der Jahre entstehenden Probleme lassen sich durch die einfache Massnahme des zeitweiligen "Wachsenlassens" zuverlässig vermeiden bzw. deutlich abschwächen.

Auch bei Kiefern und anderen Koniferen gilt das gleiche Prinzip, auch wenn es hier, abweichend zu Laubbäumen, unterschiedliche Schnitttechniken und Zeitpunkte gibt. Grundsätzlich müssen auch Koniferen Kohlenstoffe assimilieren und sind ebenso auf ausreichend Grünmasse angewiesen und dürfen daher keinesfalls ständig in Bonsai-Optimalform gehalten werden.




Schwachwüchsige Bäume für Bonsai bevorzugen: Man könnte meinen, dass für Bonsai geeignete Bäume besonders schwachwüchsig sein sollten. Dies ist aber grundfalsch, es ist vielmehr das genaue Gegenteil richtig: Die gesund starkwüchsigen Exemplare sind optimal geeignet! Damit sind aber keineswegs nur solche Exemplare gemeint die wie eine Rakete ihren Terminaltrieb gen Himmel senden, auch kompakte -und damit besser für Bonsai geeignete Typen- können sehr wüchsig sein, es kommt also auf das Gesamtbild an, ebenso auf die Schnittverträglichkeit, Regenerationsvermögen etc.: Kräftig und gesund wachsende Bäume haben viele Reserven, wenn sie später in einer Anzucht- oder Bonsaischale kultiviert werden, diese lassen sich viel besser durch Schnitttechniken gestalten, haben mehr Regenerationsvermögen, wenn mal ein Kultivierungsfehler sich eingeschlichen haben sollte und führen oft schon in absehbarer Zeit zu den gewünschten Ergebnissen der Gestaltung, während die schwächeren Exemplare nicht selten durch diese Maßnahmen endgültig in ein Kümmer-Dasein übergehen.

Es ist auch zu beachten, dass drastische Gestaltungen in Form von massiven Biegungen, in Nachempfindung eines Hochgebirgsbaumes, sehr schlecht auf schwachwüchsiges Material anwendbar sind denn durch starke Biegungen wird allgemein das Wachstum eines Baumes über etwa eine Vegetationsphase beeinträchtigt und ein generell schwachwüchsiges Exemplar kann darauf mit längerfristigem Kümmerwuchs oder gar Exitus reagieren, ein starkwüchsiges Exemplar ist dagegen viel härter im Nehmen und kaum in seiner Existenz gefärdet, jedenfalls sofern auch hier die die Nachsorge beachtet wird.




Genetische Veranlagungen ignorieren (ergänzend zum vorangegangenen Abschnitt): Die meisten Baumarten aus generativer Vermehrung zeigen eine recht starke Neigung in ihrer natürlichen Wuchsform zu streuen, dies ist genetisch bedingt. Beispielsweise können Winterlinden von sehr klein und kompakt über schlank und streng aufrecht bis hin zu schnell verdickenden Formen variieren, auch dann wenn die Jungpflanzen einst aus der selben Quelle oder sogar von der gleichen Mutterpflanze aus generativer Vermehrung stammten. Es mag ein äusserst hilfreicher Hinweis sein, dies bei der grundlegenden Wahl der Stilform für die individuellen Bäume strikt zu beachten: Es ist genauso schwierig aus einem grundlegend schlank wachsenden Typ einen massiven, dickstämmigen Bonsai zu erziehen wie einen sich schnell verdickenden Stamm in eine filigrane Bunjin-Form zwängen zu wollen. Hier heisst es in der Anzuchtphase also genau zu beobachten um die verschiedenen Wuchsformen korrekt einschätzen zu können, besonders wenn junges Rohmaterial selektiert wird. Dieses sollte man anschliessend genau beobachten um eine Einschätzung vornehmen zu können, das kann durchaus 2-3 Vegetationsphasen an Zeit kosten, es lohnt sich aber ungemein: Bei korrekter Zuordnung und der daraus abgeleiteten bestmöglichen Stilform geht dann die weitere Erziehung und Gestaltung fast von selbst oder zumindest sehr viel leichter und in kürzerer Zeit von der Hand, unter dem Strich somit eine grosse Zeitersparnis bei gleichzeitig wesentlichen überzeugenderen Endergebnissen.




Ausschließlich junges Material in der Startphase: Für Anfänger ist es zwar durchaus ratsam mit jungem und somit preiswertem Ausgangsmaterial zu beginnen und sich auch mit Aussaaten zu beschäftigen um die Kultivierung allgemein zu verinnerlichen, ohne im Ernstfall gleich teure Schäden zu verursachen. Ich gebe aber zu bedenken, dass hier nach 2-3 Jahren eifriger Kultivierungsarbeit kaum bereits ausstellungswürdiges Material entstehen wird, es kann dann zu einer nicht zu unterschätzenden Ernüchterung oder gar Krise und dadurch eventuell sogar zur vorzeitigen Aufgabe dieses schönen Hobbys kommen. Es ist daher besser, anfangs auch den einen oder anderen guten Rohling sowie Pre-Bonsai zu erstehen um diesen „Frust-Effekt“ zu vermeiden. Zudem können die ersten Gehversuche der anspruchsvolleren Gestaltung in Angriff genommen werden, was das Interesse am Bonsai-Thema wach hält, auch wenn anfangs nicht immer alles nach Plan laufen wird.


Ausschließlich reifes (kostspieliges) Material in den ersten Jahren: Hier der Gegensatz zum vorangegangenen Absatz: Viele gerade vom Bonsai-Virus infizierte Neu-Bonsaianer kennen kein Maß und Ziel bei der Anschaffung hochwertigen Materials und können sich bereits nach kurzer Zeit voller Besitzerstolz einer vorzeigbaren Bonsaisammlung rühmen. Dies wird jedoch, ohne das notwendige praxisbezogene Wissen erworben zu haben, zu manch bösem Erwachen führen wenn sich dann die kostbaren Bäume nach und nach zu verabschieden beginnen und analog die Begeisterung an der Bonsaikunst in jäher Ernüchterung mündet, auch nachdem bereits viele Tausend Euros schamhaft im Komposthaufen versenkt wurden, was dann nicht selten sogar zur Aufgabe des Steckenpferdchens führt. Ich habe einen solchen Fall bei einem alten Arbeitskollegen bereits miterlebt, es war ein echtes Drama, besonders da keinerlei Verständnis bestand. Mein dringlicher Hinweis, dass die Prachtbäume nicht ganzjährig, aus Prestigegründen, im Wohnzimmer platziert werden sollten, wurde ignoriert und mit dem allmählichen Niedergang der Sammlung quittiert.

Bonsai sind keine Konsumartikel, besonders wenn man als Bonsaifreund der Phase der „Wegwerf-Gartencenterbäumchen“ entwachsen ist, Bonsai sind vielmehr lebende Mitbewohner im Garten mit entsprechenden Bedürfnissen und Ansprüchen an ihre Besitzer, es ist daher sehr viel ratsamer zwei Nummern kleiner einzusteigen um dann, analog zum sich entwickelnden eigenen Kenntnisstand, zielgerichteter die eigene Sammlung aufzubauen.




Zuviel Bonsai-Videokonsum: Auch wenn das sehr gerne gesehene Video-Material zum Thema Bonsai auf den einzelnen Web-Kanälen eine schier unerschöpfliche Informations- und Inspirationsquelle darstellt, sollte hier aber das Maß und Ziel nicht aus den Augen verloren werden: Man sieht bald vor lauter Informationsflut kaum noch die wesentlichen Dinge und fängt gegebenenfalls sogar an die direkte Beobachtung an den eigenen Bäumen zu vernachlässigen. Ebenso können diese Videos niemals den persönlichen Kontakt zu gleichgesinnten Bonsai-Liebhabern, spezialisierten Lehrern oder den Eindruck von realen Bäumen auf Ausstellungen ersetzen.


Zu viel Buchwissen / Formalismus (sic!): Ergänzend zum vorangegangenen Abschnitt: Natürlich ist dieses Buchwissen sehr hilfreich um anfangs überhaupt einen Überblick der Bonsai-Grundstile zu gewinnen, ebenso die unverzichtbaren Erkenntnisse zur Substratwahl, Umtopfen, Düngung und Kultivierung, aber für die Gestaltungen sollte dies niemals alleinige Grundlage sein, siehe oben.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.
Und grün des Lebens goldner Baum.

(Johann Wolfgang von Goethe)






Die Natur in die zweite Reihe degradieren: Auch wenn es viele sehr gute Vorbilder von gestalteten Bonsai in der Literatur und im Internet gibt, sollte die wichtigste Inspirationsquelle niemals vernachlässigt werden: Attraktive Bäume in der Landschaft, im Hochgebirge, an felsigen, nährstoffaren Standorten, üppige Exemplare im Wald, in Parks und manchmal sogar in Gärten, besitzen oft eine unnachahmliche Ausstrahlung die eigentlich als ultimative Vorbilder in den Vordergrund gestellt werden sollten. Auch ist das Studium von natürlich entstandenen Totholzstrukturen und Witterungseinflüssen sehr aufschlussreich. Es mag also oft sehr viel befriedigender sein, nicht die bereits vorhandene Bonsais kopieren zu wollen (die ja selbst eigentlich bereits eine Kopie und Idealisierung der Natur sind), sondern besser zur Basis, also zur ursprünglichen Naturbetrachtung als Vorbild zurückzukehren.

Es ist tatsächlich so, dass der angehende Bonsai-Gestalter durch sein Hobby eine völlig neue Sichtweise auf die Werke der Natur durchlebt, diese mehr und mehr mit „anderen Augen“ zu sehen beginnt und damit auch ganz nebenbei den Grundstein zu immer überzeugenderen, natürlicheren Gestaltungen legt.






Bonsai als Quälerei betrachten (schlechtes Gewissen II): Es gibt durchaus einzelne Personen die der Bonsaikunst ablehnend gegenüberstehen und Aussagen wie „unnatürliche Verzwergung“ oder gar „Vergewaltigung und Tortur“ stehen im Raum (ich habe dies schon von gelernten Gärtnern zu hören bekommen). Es steht natürlich Jedermann frei, seine Meinung Kund zu tun, ist dies aber so haltbar?

Allgemein haben wir das Bild von natürlich gewachsenen Bäumen im Waldstand vor Augen, man denke nur an die beliebten Fototapeten der 70er Jahre die einen lichtdurchfluteten Buchenwald in seiner „Natürlichkeit“ darstellen oder auch das Bild von grossen, eleganten Bäumen im in Parks. Tatsächlich ist dies aber nur ein Teil des Ganzen: In der freien, ungezähmten Natur keimen Bäume an allen nur erdenklichen Stellen, die dann oft nur ein „Kümmerdasein“ ermöglichen, auch ist zu beachten, dass das idealisierte Bild des Buchenwaldes alles andere als den ursprünglichen deutschen Urwald darstellt, es handelt sich tatsächlich viel eher um eine Holzplantage als um einen natürlichen Wald, denn dieser wäre sehr chaotisch mit Eiben, Ahornen und Gestrüpp durchsetzt, ebenso mit jeder Menge Totholz und schief stehende halb-abgestorbenen Bäumen bestückt. Die fleissige Arbeit der Forstwirte hat diesem Wald zu seinem fotogenen Aussehen massgeblich verholfen und weniger die frei waltende Natur. Bereits in der Forstbaumschule wird für die Holzproduktion (dies ist der Sinn und Zweck des genannten fotogene Buchenwaldes) bereits das Saatgut selektiert, es stehen hier immer der gerade Stamm, die Produktivität (Zuwachs) sowie Holzqualität und die spätere Maschinengängigkeit der Holzernte im Vordergrund. Nach dem Anlegen der Schonung wird der Bestand immer wieder durchforstet um all die Bäume, die der Ideallinie nicht entsprechen, umgehend zu entfernen, ebenso den unerwünschten natürlichen Aufwuchs, Ordnung muss sein, wie schön und wie romantisch!
Begibt man sich aber in die höheren Lagen der Alpen, ändert sich die Lage drastisch: Im Bereich der Baumgrenze, der sogenannten Kampfzone, findet sich ein stark verkrüppelter, naturnaher Baumbewuchs der über Jahrzehnte und Jahrhunderte der extremen Witterung getrotzt hat, manchmal werden diese Bäume durch Muren teilverschüttet oder sogar aus ihrem Stand gerissen um dann talwärts manchmal sogar wieder im Geröll einzuwurzeln. Die „Kleinen“ sind zudem oft monatelang unter meterhohem Firnschnee begraben oder werden an freien Stellen regelrecht durch mit Eissplittern durchsetzten Orkanböen „teilrasiert“ um sich im Sommer mühsam aus Rückknospen zu regenerieren. Dies ist das schwere Schicksal von abermillionen Krüppelbäumen auf gigantischen Flächen der Hochgebirge, ich hoffe sehr, dass es den Kritikern der Bonsaikunst nicht eines Tages einfällt all diese kümmernden Bestände grossflächig zu roden um die bedauernswerten Baumgeschöpfe waidgerecht von ihren Leiden zu befreien...
Tatsächlich sind diese Kampfzonen aber wertvolle Bereiche der natürlichen Selektion härtester Typen die mit ihrer Veranlagung 
durch Pollenflug auch die tiefer liegenden Baumbestände immer wieder genetisch auffrischen und die Anpassung natürlicher Wälder an sich ändernde Umwelteinflüsse sehr positiv aufwerten.
Es handelt sich bei diesen Überlebenskünstlern übrigens um Bäume wie Latschenkiefer, Fichte, Lärche, Wacholder, also Arten die ausgesprochen gerne für Bonsaizwecke „missbraucht“ werden, auch wenn der Bonsaigärtner nicht mal ansatzweise in der Lage ist, die tatsächlichen, geradezu lebensfeindlichen Bedingungen ihrer Naturstandorte im Bonsaigarten nachzuahmen. Als Beispiel: Der als Bonsai beliebte Kriechwacholder gilt als die in Europa am höchsten aufsteigende Baumart, es sind hierzu Standorte am Mont-Blanc Massiv in einer Höhe von 3600 Metern ü NN dokumentiert. In dieser Höhe gibt es keinen einzigen frostfreien Monat, dafür aber enorme Windgeschwindigkeiten, Trockenheitsphasen im Sommer und eine UV-Einwirkung welche die Strahlung am Äquator buchstäblich in den Schatten stellt, diese Bäume wachsen jährlich nur im Millimeterbereich, jede kurze Phase günstiger Bedingungen nutzend. Im Bonsaigarten hingegen steht der genannte Kriechwacholder zwar in einer kleinen Schale, wird jedoch regelmässig gewässert, gedüngt und manchmal mit Draht etwas geformt, das Ganze bei sechs frostfreien Monaten und angenehmster Sonneneinstrahlung. Eigentlich ist es für diesen Bonsai-Kriechwacholder, im Vergleich zu seinen Mont-Blanc-Kollegen, so als würde ein menschlicher Strafgefangener aus einem sibirischen Gulag der deutschen Justiz zur „Strafverschärfung“ überstellt werden. Auch wenn der Mensch-Baum-Vergleich etwas holprig erscheint: Eigentlich ist es dem Baum herzlich „egal“ unter welchen Bedingungen er aufwächst, Hauptsache es geht irgendwie, er kann dies ja nicht fühlen, vergleichen oder beurteilen. Eigentlich ist es ihm noch nicht einmal egal, denn selbst diese Einschätzung setzt rationales Denken voraus.

Hinweis: Ich möchte aber nicht falsch verstanden werden, es ist hier natürlich nicht gemeint, am Mont-Blanc Wacholder auszugraben oder in den Kampfzonen zu wildern, dies verstösst gegen Naturschutzgesetze zumal die Umkultivierung dieses älteren Materials recht schwierig ist. Gemeint ist natürlich die allgemein extreme Widerstands- und Regenerationsfähigkeit dieser Arten die wir uns für Bonsai so gerne zu Nutze machen.
Ich hoffe, dass nun der Glaube an das „Bonsai-Martyrium“ etwas entmystifiziert werden konnte zumal der menschliche Begriff „Quälerei“ generell sachlich auf Bäume nicht ganz zutreffend sein kann da diese kein Zentralnervensystem aufweisen und auch kein Bewusstsein entwickeln, beides wäre hierfür jedoch zwingend notwendig.

Ergänzung: Obwohl es mittlerweile Studien gibt welche die Kommunikation von Bäumen untereinander über das Aussenden von Geruchs-Botenstoffen in der Übermittlung von Vorwarnungen bei Schädlingsbefall und ebenso ein unterirdisches gegenseitiges Versorgungssystem einiger Baumarten beschrieben wird, dürfte es sich hier aber wohl kaum um bewusste Handlungen, sondern eher um komplexe biologische Prozese handeln die kaum dem "freien Willen" der Bäume unterliegen.

Ich möchte mich nicht den sonstigen esotherischen Ausführungen anschliessen die durchaus eine "Beseelung" von Pflanzen beschwören, es bleibt nur zu hoffen, dass dies nicht in die falschen "veganen Kanäle" gerät: Der Veganer befände sich dann in dem Dilemma ganz auf Nahrung verzichten zu müssen: Wenn z. B. der durch umfangreiche Pflegeschnitte "gequälte" Apfelbaum anschliessend seiner Früchte beraubt wird und dadurch dauerhaft der natürliche Prozess der Fortpflanzung böswillig durch den Menschen unterbunden wird...






Zu wenig Geduld: Es liegt in der Natur der Bonsai-Sache, dass hier ohne ein wenig Vorausschau und Planung kein Blumentopf zu gewinnen ist. Es ist eher kontraproduktiv in kürzester Zeit die spektakulärsten Ergebnisse erzielen zu wollen, wie bereits weiter oben erwähnt. Man kann hier oft von einem Zeithorizont von 5-10 Jahren für die Entwicklung von gutem Rohmaterial ausgehen und bei der Vermehrung von Stecklingen oder Aussaaten sogar noch weit darüber hinaus.

Man sollte aber auch durchaus die eigene Lernkurve berücksichtigen, die es mit der Zeit ermöglicht auch aus eher bescheidenem Bäumen, also aus anfangs noch als „unmögliches Material“ eingeschätzten Exemplaren, ganz beeindruckende Formen zu erzielen, sofern diese Bäumchen wüchsig und vital sind.

Es liegt in der Natur der Sache und gehört zu den anspruchvollen Aufgaben des Bonsai-Kultivateurs, den Faktor Zeit und die damit verbundene zukünftige Entwicklung in jede Gestaltung mit einzuplanen und idealerweise sogar vorherzusehen. Es soll sogar Leute geben die zur Einstimmung in bevorstehende komplexe Gestaltungen das gute alte Lied „Time“ von Pink Floyd zur Inspiration abspielen, vielleicht hilft es damit etwas entspannter in die Zukunft des Baumes zu sehen...






Zu viel Geduld: Als Kontrapunkt zum vorherigen Absatz sei gesagt, dass aber auch das ewige päppeln von kränkelnden oder schwachwüchsigen Pflanzen kaum zum Erfolg führen wird, dazu zählen auch Baumarten die generell nicht besonders gut zur Bonsaigestaltung geeignet sind oder für die der vorhandene Standort nicht wirklich zusagend ist. Man wird anfangs sicher viele Versuche durchführen, wovon ich keinesfalls abraten möchte, man muss aber auch wissen wann es sich nicht mehr lohnt hier weiterzuforschen. Es ist daher sehr zu empfehlen gelegentlich mit kritischem Blick die Sammlung zu durchforsten um ein allmähliches Anhäufen von hoffnungslosen Fällen, die viel Pflegeaufwand fordern, zu vermeiden. Der Aufwand geht dann möglicherweise aus Zeitgründen zu Lasten der vitalen Bäume. Ein solcher Befreiungsschlag hat schon so manche Bonsaisammlung und die Freude daran aufgewertet, denn Hoffen und Harren hielt schon manchen zum Narren...



Keine Fehler machen: So gut auch viele Ratschläge gemeint sind, es geht auch hier nichts über echte Praxis um so manchen Irrtum zu korrigieren: Ich glaube, dass einige Fehlschläge geradezu als Schlüsselerlebnisse wirken um dann hoffentlich von diesem Zeitpunkt an, ein für alle mal, vermieden zu werden. Es ist besser am Anfang ein paar mal (mit meist preiswertem Material) zu scheitern als dies dann später zu erleben, besonders wenn man ab einem bestimmten, oft erstaunlich frühzeitigen Punkt, glaubt das Thema zu beherrschen um nun großzügig die vormals beachteten Hinweise ignorieren zu können (diese Einsicht durchaus auch aus eigener Erfahrung). Auch ich behaupte somit nicht, alle Details vollständig erfasst zu haben, letztendlich stellt die Bonsaikunst einen langen Weg dar, der von lebenslänglichem Experimentieren und Lernen begleitet wird. In diesem Sinne zum Abschluss noch ein weiteres kleines Bonmot zum Thema:

Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der lasse sich begraben.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Uwe Schade, im Frühling 2025

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